Lesetext: Stier · Stiervenus · Feld 2

Website: APL-Campus
Kurs: Block A – Einführung & Tierkreis (DE)
Buch: Lesetext: Stier · Stiervenus · Feld 2
Gedruckt von: Gast
Datum: Donnerstag, 3. September 2026, 16:51

Beschreibung

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Überblick und Lernziel

Lernziel — nach dieser Lektion kannst du …

  1. das zweite Lebensprinzip aus dem ersten herleiten: Energie bekommt Richtung, verdichtet sich und wird Materie — mit Form, Gestalt und Raum.
  2. erklären, warum Venus in der APL doppelt vergeben wird und was „Stiervenus" bedeutet.
  3. die Ur-Angst vor Wandlung und das Grundproblem des Stier-Prinzips beschreiben und in einem Geburtsbild benennen, woran du eine Stier-Betonung erkennst.

Vorwissen: A-01 Grundlagen, A-02 Widder.

Das Prinzip: Energie bekommt Richtung

Das zweite Lebensprinzip zeigt sich im Tierkreiszeichen Stier, im zugeordneten Planeten Venus und im zweiten Feld. Hensel rät, den Stier immer aus dem Widder heraus zu erklären. Beim Widder hatten wir Energie, aus der Leben entstehen kann — aber ohne Richtung.

Als Denkbrücke stellt Hensel sich vor, der Schöpfer des Universums habe am Übergang von Widder zu Stier gesagt: Ich muss der Widder-Energie jetzt einen kleinen Schubs geben. Eine Richtung, die sie aus sich selbst nicht finden kann. Die Energie beginnt, auf einen bestimmten Punkt hin zu fließen — ohne selbst davon zu wissen.

Sein Bild dafür kennst du aus A-02: die Metallspäne auf der Glasplatte. Jetzt hält jemand einen Magneten unter die Platte. Die Späne bewegen sich — ohne eigene Absicht, nur von der Kraft des Magneten angezogen — zu den beiden Polen. Eine zweite Größe ist ins Spiel gekommen. Aus Richtungslosigkeit wird Richtung. Und an den Polen geschieht das Entscheidende: Die Späne sammeln sich, sie verdichten sich.

Genau das ist der Stier. Die Richtungslosigkeit des Widders wird aufgehoben, ein richtunggebendes Prinzip tritt auf, und die Energie verdichtet sich. Hensel bringt es auf eine Formel: Widder gleich Energie, Stier gleich verdichtete Energie.

Materie, Form, Gestalt, Raum

Verdichtete Energie ist Materie. Hensel sieht darin eine Parallele zur modernen Physik, die Materie ebenfalls als verdichtete Energie beschreibt — für ihn eine Bestätigung des astrologischen Bildes. Für den Kurs gilt: Stier gleich Materie, gleich die physisch sichtbare Welt.

Um weiterzudenken, stellt Hensel sich das allererste, kleinste Materieteilchen vor — sagen wir, ein Sandkorn. Dieses Sandkorn hat eine bestimmte Form. Gehobener gesagt: Es besitzt Gestalt. Form und Gestalt sind hier dasselbe. Durch die Verdichtung entsteht also nicht nur Materie, sondern zugleich das Formgebende. Materie besitzt immer Form, Materie besitzt immer Gestalt.

Und noch etwas: Das Sandkorn nimmt einen Raum ein — genau den Raum, der vorher an dieser Stelle war. Es verdrängt diesen Raum. Mit der Materie entsteht das Räumliche. Hensel betont, dass „Verdrängung" hier nicht psychologisch gemeint ist, sondern physisch: Ein Ding nimmt Raum ein und verdrängt ihn zugleich.

Raum und Zeit bilden ein Gegensatzpaar — wie Ursache und Wirkung, Problem und Lösung, Inhalt und Form. Mit solchen Paaren wird der Kurs später ausführlich arbeiten. Für jetzt zählt: Im Stier kommt das Räumliche hinzu. Damit entsteht alles, was wir die physisch sichtbare Welt nennen — das Konkrete, das Materielle, das Dinghafte an sich.

Tierkreisring, Stier hervorgehoben, mit dem Bild „Magnet unter der Glasplatte" — Energie verdichtet sich an den Polen

Zeichen, Planet, Feld — und warum es die Stiervenus gibt

In der abendländischen Astrologie arbeiten wir mit zehn Planeten und zwölf Tierkreiszeichen. Zwei Planeten müssen deshalb zweimal vergeben werden. Das geschieht bei der Venus für Stier und Waage und beim Merkur für Zwillinge und Jungfrau.

Wird die Venus zum Stier gerechnet, heißt sie deshalb nicht einfach Venus, sondern Stiervenus. Ihr Gegenstück ist die Waagevenus (Lektion A-08). Genauso gibt es den Zwillingsmerkur und den Jungfraumerkur. Diese Bezeichnungen begleiten dich durch den ganzen Kurs. Welche der beiden Venus-Naturen in einem Geburtsbild wirkt, wird mit einem eigenen Verfahren bestimmt — bei der Elementenanalyse in Block B.

Das zweite Feld ist der analoge Ort im Geburtsbild. Zeichen, Planet und Feld tragen denselben Kern: Verdichtung, Materie, Raum, Form — und Absicherung.

Absicherung: Der Stier glaubt, das Ende zu sein

Hensel unterstellt jedem Lebensprinzip, dass es versucht, sich selbst zu erhalten — solange es das letzte im Tierkreis ist. Und in diesem Moment ist der Stier das letzte Stadium. Er weiß nichts davon, dass nach ihm die Zwillinge kommen. Also versucht das Stier-Prinzip, sich zu erhalten.

Damit entsteht zum ersten Mal die Gelegenheit, sich zu sichern. Im Widder ging das nicht, denn dafür braucht es mindestens den Schritt in die duale Welt — von eins zu zwei, von Widder zu Stier. Der Stier gibt allen folgenden Prinzipien die Möglichkeit, sich abzusichern. Insofern ist Stier Absicherung.

Zurück zum Sandkorn. Es liegt in einem Raum und ist mit seinem Umriss gegen diesen Raum abgegrenzt. Innen Sandkorn, außen Raum. Diese Abgrenzung bedeutet: Das Teilchen sichert sich gegen Veränderung, die aus dem Raum auf es zukommen könnte. Materie, Form und Gestalt versuchen, sich als solche zu erhalten. Stier ist Absicherung und Abgrenzung gegen formelle Veränderung.

Die Ur-Angst: vor Wandlung

Daraus folgt die Ur-Angst des Stier-Prinzips: die Angst vor Veränderung — zunächst der physischen Form, später im vollständigen Tierkreis auch von anderem. Hensel nennt sie gehobener die Ur-Angst vor Wandlung. Das Prinzip will absichern, was bisher entstanden ist. Diese entstandenen Werte sollen in Form und Gestalt erhalten bleiben. Keine Veränderung darf an ihnen geschehen.

Das Kurzblatt ergänzt einen Gedanken, der hier wichtig wird: Mit der Absicherung entsteht der „Wert an sich". Nur etwas, das von Wert ist, wird zum Bestand. Und das Stier-Prinzip „sagt immer: Nein …" — Nein zur Veränderung, Nein zum Verlust des Bestehenden.

Entwicklung: physisch am Leben bleiben

Hensel leitet das Grundproblem entwicklungspsychologisch her. Das Stier-Prinzip steht dafür, dass Materie sich als physische Existenz erhält. Auf den Menschen übertragen: Wer auf die Welt kommt, hat einen Körper und muss ihn am Leben halten. Der Körper ist wie eine Maschine, der immer weiter Energie in verdichteter Form zugeführt werden muss — Nahrung. Man muss essen und trinken.

Beim Säugling ist Nahrung, als archetypisches Bild, das Trinken an der Brust der Mutter. Ist das Stier-Prinzip in übertriebener Form angelegt, muss sich das Problem — so Hensels Schluss — auf die Nahrungsaufnahme beziehen. Die APL geht deshalb bei einer Stier-Betonung von einer Irritation in der Stillphase aus. Hensel nennt das die orale Fixierung und stützt sich auf seine Erfahrung aus vielen Beratungen.

Was das im Kern heißt: Angst zu verhungern. Die Angst, physisch nicht genug zu bekommen, in der materiellen Welt nicht abgesichert zu sein — und damit die Grundangst, physisch nicht zu überleben.

Das ist eine Deutungshypothese der APL, keine Feststellung über deine Eltern. Hensel selbst sagt, dass die Nahrungszufuhr in den allermeisten Fällen sichergestellt wird. Es geht um das Erleben des Kindes, nicht um Schuld. Er beschreibt mehrere Varianten, in denen Menschen mit Stier-Betonung von einem schwierigen Start berichten: Die Mutter konnte nicht stillen. Das Stillen war schmerzhaft oder wurde als „ausgesaugt werden" erlebt. Oder das Kind trank so viel, dass die Mutter fürchtete, nicht nachzukommen — und diese Sorge übertrug sich auf das Kind.

Zwei Reaktionsformen beschreibt Hensel. Die kompensatorische: Das Kind trinkt so viel und so schnell wie möglich, „wenn ich mich nicht beeile, bekomme ich nichts mehr". Und die gehemmte: Das Kind verweigert die Nahrung, weil es unterschwellig glaubt, ohnehin nichts zu bekommen — eine Art vorgezogene Trotzphase. Kompensieren heißt übertreiben, Gehemmtsein heißt untertreiben. Beim Erwachsenen kann sich das Thema im Essverhalten zeigen; das Verhältnis zu Nahrung, Gewicht und Vorrat ist ein körperliches Themenfeld des Stier-Prinzips.

Prüfe für dich, wenn du eine Stier-Betonung hast: Wie war dein Start mit der Nahrung — soweit du es weißt oder erfragen kannst? Hensel berichtet, dass sich bei Nachfragen oft eine Bestätigung findet.

Alltagsbilder

Das kalte Büfett: Menschen mit Stier-Betonung drängeln sich gern ein wenig vor. Dahinter steht die Sorge: „Wenn ich in der Mitte oder am Ende der Schlange stehe, bekomme ich nichts mehr ab." Das darf nicht sein, weil damit die elementarste Ur-Angst berührt wird.

Die Herde: Verdichtung von Energie findet man im Tierreich bei allen Tieren, die in Herden leben. Eine Herde ist eine Ansammlung einzelner Teilchen an einem Ort. Und sie zeigt das Prinzip der Absicherung: In einer Büffelherde stehen die Jungtiere in der Mitte, die schutzbedürftigen Körper. Außen stehen die starken Tiere und halten den Revierverletzer fern — den Tiger, den Löwen, also das Widder-Prinzip. Gemeinsam sind wir stark. Die Herde ist verdichtete, gesammelte Energie — wie eine Batterie, in der gesammelte Energie stärker ist als einzelne.

Beim Menschen nennt Hensel das, mit einem Augenzwinkern, Gruppengefühl oder Vereinsmeierei: sich gesellig zusammenfinden. Das Stier-Prinzip ist das Schutz-Prinzip.

Der Siedler: Nach der Phase des Jägers (Widder) will der Mensch sich irgendwann ausruhen, sich niederlassen, sich ansiedeln. Hat er das getan, sichert er seinen Raum gegen andere Räume ab. Er zieht einen Zaun und sagt: Bis hierhin und nicht weiter. Dazu gehört der Wunsch, eine Familie zu gründen — sichtbare Nachkommen in die Welt zu setzen. Hensel beobachtet bei Stier-Betonung häufig den Wunsch nach vielen Kindern und deutet ihn, auf das Urprinzip hin formuliert, als Wunsch, Materie im Raum sichtbar werden zu lassen.

Wer eine Stier-Betonung hat und das ganz ablehnt, hat sich nicht „verrechnet": Ein Prinzip, das im Geburtsbild angelegt ist, kann auch verneint werden. Über dieses Ja- oder Nein-Sagen zu einem Prinzip sprechen wir später.

Schema „Herde: Jungtiere im Zentrum, starke Tiere außen, Revierverletzer davor" — das Schutz-Prinzip

Schattenseite und Aufgabe

Die Schattenseite des Stiers ist die Kehrseite seiner Stärke. Was sich absichert, kann sich nicht wandeln. Die Angst vor Wandlung ist nach Hensel verantwortlich für Schwierigkeiten, die sich später in Kombination mit anderen Prinzipien zeigen. Die Angst zu verhungern kann als Festhalten, Horten und Vordrängeln erscheinen — oder als bockige Verweigerung.

Die Aufgabe des Prinzips ist im Kurzblatt angelegt: den Wert des Entstandenen sichern, ohne jede Wandlung abzuwehren. Nur was von Wert ist, wird zum Bestand — und Bestand braucht irgendwann auch Bewegung. Die kommt im nächsten Prinzip, den Zwillingen.

Mythologie: Theseus und der Minotaurus

König Minos forderte jedes neunte Jahr ein Menschenopfer, das er dem Minotaurus vorwarf. Theseus befreit das Opfer: Mit Hilfe einer Frau, Ariadne, erschlägt er das Ungeheuer in der Labyrinthhöhle — und findet mit dem Faden, den er beim Hineingehen gelegt hat, wieder heraus. Hensel nennt das das Prinzip der räumlichen Sicherung. Der Mensch soll sich von seiner Triebwelt (dem Ungeheuer) befreien; das kann er nur in seiner Ganzheit, durch eine Erhöhung des Triebes. Das Orale erscheint im niederen Trieb als das Fressen eines Opfers.

Im Geburtsbild erkennen

Drei Orte, nach der Grundregel: das Zeichen Stier — Sonne, Mond oder Aszendent im Stier bedeuten eine starke Betonung, mehrere Planeten im Stier ebenfalls. Die Stiervenus — wo Venus steht und als Stiervenus wirkt, dort ist das Prinzip der Verdichtung und Absicherung am Werk. Das zweite Feld — Planeten im Feld 2 bringen ihr Prinzip mit Stier-Qualität zur Geltung.

[Grafik folgt: Radix mit hervorgehobenem Feld 2, Venus und dem Zeichen Stier]

Ein Beispiel: Im Geburtsbild steht der Mond im Stier, im zweiten Feld steht Saturn. Der Mond ist ein gewichtiger Planet; das zweite Prinzip ist deutlich betont. Saturn im zweiten Feld verbindet das Steinbock-Prinzip (Lektion A-11) mit dem Stier-Feld — was das bedeutet, ist Thema der Konstellationslehre. Für jetzt weißt du: Absicherung, Bestand und die Ur-Angst vor Wandlung sind hier ein Thema.

Zum Schluss

Fassen wir Hensels Kern zusammen: Verdichtung von Energie, damit das Richtunggebende. In diesem Moment entsteht Materie, damit Raum und die physisch sichtbare Welt, in der Form und Gestalt Einzug halten. Diese versuchen, sich zu erhalten und gegen andere Formen abzugrenzen. Daraus entsteht die Angst vor Wandlung — und psychologisch die Angst, physisch nicht zu überleben.

Der Stier ist, anders als der Widder, der wirkliche Einstieg in den Tierkreis. Mit ihm wird die Welt sichtbar. Alles Feste, alles Verlässliche, alles, worauf man bauen kann, hat hier seinen Ursprung. Wer das Prinzip betont hat, trägt die Fähigkeit in sich, Werte zu schaffen und zu bewahren. Und weil es nicht nur ein Sandkorn gibt, sondern unendlich viele, braucht der Tierkreis einen weiteren Anstoß: das Prinzip der Vielfalt, die Zwillinge (Lektion A-04).

Selbstprüfung

  • Wo steht Venus in deinem Geburtsbild, und steht etwas im Stier oder im zweiten Feld?
  • Wie gehst du mit Veränderung um — eher „Nein, erst mal nicht" oder leicht? Passt das zu deiner Stier-Betonung oder zu ihrem Fehlen?

Merksatz: Stier, Stiervenus und Feld 2 verdichten Energie zu Materie — sie schaffen Form, Raum und Wert, sichern das Entstandene ab und fürchten die Wandlung.