Lesetext: Stier · Stiervenus · Feld 2
Entwicklung: physisch am Leben bleiben
Hensel leitet das Grundproblem entwicklungspsychologisch her. Das Stier-Prinzip steht dafür, dass Materie sich als physische Existenz erhält. Auf den Menschen übertragen: Wer auf die Welt kommt, hat einen Körper und muss ihn am Leben halten. Der Körper ist wie eine Maschine, der immer weiter Energie in verdichteter Form zugeführt werden muss — Nahrung. Man muss essen und trinken.
Beim Säugling ist Nahrung, als archetypisches Bild, das Trinken an der Brust der Mutter. Ist das Stier-Prinzip in übertriebener Form angelegt, muss sich das Problem — so Hensels Schluss — auf die Nahrungsaufnahme beziehen. Die APL geht deshalb bei einer Stier-Betonung von einer Irritation in der Stillphase aus. Hensel nennt das die orale Fixierung und stützt sich auf seine Erfahrung aus vielen Beratungen.
Was das im Kern heißt: Angst zu verhungern. Die Angst, physisch nicht genug zu bekommen, in der materiellen Welt nicht abgesichert zu sein — und damit die Grundangst, physisch nicht zu überleben.
Das ist eine Deutungshypothese der APL, keine Feststellung über deine Eltern. Hensel selbst sagt, dass die Nahrungszufuhr in den allermeisten Fällen sichergestellt wird. Es geht um das Erleben des Kindes, nicht um Schuld. Er beschreibt mehrere Varianten, in denen Menschen mit Stier-Betonung von einem schwierigen Start berichten: Die Mutter konnte nicht stillen. Das Stillen war schmerzhaft oder wurde als „ausgesaugt werden" erlebt. Oder das Kind trank so viel, dass die Mutter fürchtete, nicht nachzukommen — und diese Sorge übertrug sich auf das Kind.
Zwei Reaktionsformen beschreibt Hensel. Die kompensatorische: Das Kind trinkt so viel und so schnell wie möglich, „wenn ich mich nicht beeile, bekomme ich nichts mehr". Und die gehemmte: Das Kind verweigert die Nahrung, weil es unterschwellig glaubt, ohnehin nichts zu bekommen — eine Art vorgezogene Trotzphase. Kompensieren heißt übertreiben, Gehemmtsein heißt untertreiben. Beim Erwachsenen kann sich das Thema im Essverhalten zeigen; das Verhältnis zu Nahrung, Gewicht und Vorrat ist ein körperliches Themenfeld des Stier-Prinzips.
Prüfe für dich, wenn du eine Stier-Betonung hast: Wie war dein Start mit der Nahrung — soweit du es weißt oder erfragen kannst? Hensel berichtet, dass sich bei Nachfragen oft eine Bestätigung findet.